» Der Zeppelin im Tannenbaum



Paul Walther Bulmke
  „Die Adventszeit hatte nun begonnen. Das zeigte sich auch an dem kleinen Bäumchen, welches erstmalig in diesem Jahr im Altarraum unserer Pauluskirche stand. Der neue Pfarrer hatte diesen Brauch wohl eingeführt. An jedem der vier Adventssonntage, zündete ein Konfirmand oder eine Konfirmandin eine Kerze an diesem Bäumchen an. Am zweiten Advent hatte mein Bruder Julius diese Aufgabe übertragen bekommen. Er lernte schon eine Woche lang das Gedicht auswendig und trug es jeden Abend vor dem Essen vor. Vater sagte: „Julchen nun ist aber langsam gut, selbst ich kann es nun schon auswendig aufsagen!“ Julius, der grad eine Stunde zuvor vom Konfirmandenunterricht heimgekommen war erwiderte: „Vatta, dann sach du dat auf! Aber et jibt noch wat zu bereden. Der Pastor hat jesacht, dat jeder von uns eine Kugel für den großen Weihnachtsbaum mitbringen soll. Mutter erwiderte: „Julchen, die Kugel soll der Pfarrer kriegen, du mußt morgen eh mit Paulchen in die Stadt, um unsere neuen Christbaumkugeln abzuholen. Dabei kannst du dann noch eine für die Kirche aussuchen.“ „Hm, kann Peule net allene gehen und eine mitbringen?“ fragte Julius. Vater sagte: „Basta jetzt! Ihr beide geht morgen und keine Diskussion mehr.“ Neuerdings musste Julius nämlich über alles diskutieren. Mutter sagte, er sei in einem schwierigen Alter. Also gingen wir an diesem Mittwoch im November 1914 in die Stadt. Mutter hatte mir 20 Mark mitgegeben, die sollten für die Bezahlung unserer Kugeln reichen.

  Beim Manufakturwaren-Laden angekommen bestaunten wir die Weihnachtliche Schaufensterdekoration. Sehr schön, viel Tanne und silberne Kugeln, Glocken, Trompeten und Engel. Was Mutter wohl ausgewählt hatte? Wir betraten den Laden, sogleich kam der Verkäufer auf uns zu und bat uns zur hinteren Theke. Er hatte alle Waren, die Mutter ausgewählt hatte, aufgebaut. Ich kontrollierte die Kartons und stellte keine Beschädigung an den Kugeln fest. Er verpackte alles in einen großen Korb. „Wat issn mit der Kirchenkugel Peule?“ fragte Julius. Die hätte ich fast vergessen! Wir erzählten dem Verkäufer von der Kirchen-Kugel-Geschichte. Er zeigte uns einen Katalog, in dem alle Weihnachtskugeln abgebildet waren, die es zu kaufen gab. Julius entdeckte als erster die Seite mit den patriotischen Kugeln. Kurz zur Erklärung. Wir befanden uns ja mitten im Ersten Weltkrieg und es gab erstmalig Kugeln mit der Schwarz-Weiß-Roten Fahne oder auch einige mit dem Bild des Kaisers und einiger Generale. Besonders gefiel Julius die Kugel in Form eines Zeppelins. „Die will ich füre Kirche, wat kostet denn die?“ „Eine Mark“ kam als Antwort. „Ist gekauft, bitte einpacken!“ sagte Julius. Ich war mir nicht sicher, ob dies die richtige Wahl gewesen ist. Jedenfalls bezahlte ich die Waren und wir schleppten den Korb nach Hause, allerdings nicht ohne einen Zwischenstopp beim Bonbonladen, wo wir uns je einen Himbeerlutscher kauften.

  Abends fragte Vater, welche Kugel der Tannenbaum in der Kirche von Familie Bulmke, also von uns, bekommen sollte. Julius präsentierte stolz, den in Watte und Karton verpackten Zeppelin. „Das ist nicht dein Ernst, Jule? Oder!“ Es war Julius mehr als Ernst. Er schaute ärgerlich und erwiderte: „Sicher dat. Abba wenne das nicht willst, kannste den Zeppelin auch an deinen Hut stecken!“ Der ruhige Abend war damit beendet. Julius wurde ins Bett geschickt und hatte drei Tage Stubenarrest. Er beschwerte sich bei mir über diese Ungerechtigkeit. Es war aber schon am kommenden Sonntag alles vergessen. Julius lieferte einen prima Auftritt in der Kirche ab. Nach dem Gottesdienst berichtete Vater dem Pfarrer Schmidt von der Zeppelinkugel und dass er selbstverständlich einen ganzen Karton anderer Kugeln für den Christbaum in der Kirche spendet. Vater war der Ansicht ein Zeppelin gehöre nicht an einen Christbaum.

Paul Walther Bulmke   Die Adventszeit verging im Fluge. Am Nachmittag des 24. Dezembers hatten die Männer der Gemeinde den Baum in der Kirche aufgestellt und nun halfen einige Jungen, unter andern ich, den Baum zu schmücken. Es waren viele Kugeln zusammen gekommen. über 200 Stück. Wir hatten Stunden damit zu tun, die Kugeln an dem Baum zu befestigen. Aber es war geschafft und bei Kakao und Plätzchen bestaunten wir unser Werk. Der Pfarrer war sehr zufrieden, dass der Baum nun für den Gottesdienst am Weihnachtstag fertig da stand. Ich wollte noch zusammen mit Fritz, die Leiter wegstellen. Aber Pfarrer Schmidt sagte: „Lasst mal Jungs, ich mach das nachher, ich muss ja noch die Kerzen aufstecken!“ Wir verabschiedeten uns. Am Weihnachtsmorgen war um 6 Uhr Gottesdienst.

  Wir stapften durch den frisch gefallenen Schnee zur Kirche. Wir saßen auf der Ostempore und konnten so sehr schön auf den Baum schauen. „Schön geworden!“ sagte Mutter. „Hab ich ja auch mitgeholfen!“ erwiderte ich. Vater beschaute genauestens den Baum. Er hatte selbigen über die Eisenwerke beschaffen lassen. Plötzlich wurde sein Gesicht zornig, er schaute Julius an. Mutter erkannte ebenso wenig wie ich den Grund seines Zorns. „Darüber reden wir später!“ sagte Vater.

  Julius sagte leise zu mir: „Ich war dat nicht Peule!“ Ich begriff nicht, was er meinte. Er deutete auf die Spitze des Baumes. Direkt unterhalb in der Mitte prangte der silberne Zeppelin. Wir wussten nicht wie er dort hinkam. Als ich mit Fritz die Kirche verlassen hatte, war er nicht dort. Der Gottesdienst war zu Ende. Vater hatte seinen Julius an der Hand und stapfte auf Pfarrer Schmidt zu. Er wollte sich für die Sache mit dem Zeppelin entschuldigen. Julius beteuerte seine Unschuld und so kam ich in Verdacht. Pfarrer Schmidt sagte besänftigend: „Herr Bulmke, finden Sie nicht auch, dass sich der Zeppelin wunderbar an dem Baum macht?!“ Vater stimmte zu und der Pfarrer lachte. Wir wünschten uns noch Frohe Weihnachten und machten uns auf den Heimweg. Unsere Unschuld war bewiesen, so würde es bestimmt auch Geschenke geben. Wir aßen zu Abend. Dann läutete das Glöckchen und wir durften ins Erkerzimmer, wo unser Christbaum stand. Ein sehr schöner Anblick war der Baum mit den neuen Kugeln. Julius stupste mich an und deutete auf die Spitze. Ich konnte es nicht fassen. An unserem Baum, den Vater selbst geschmückt hatte, hing ein silberner Zeppelin.

  [Eine Geschichte von Andreas Janke]







Turm Pauluskirche

Turm Pauluskirche

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