» Konfirmationserlebnisse aus dem Jahre 1912
Liebe BesucherInnen dieser Kirche, ich grüße Sie herzlich!Fast 100 Jahre sind vergangen, seitdem ich in dieser Kirche konfirmiert wurde. Ich gehörte zum ersten Konfirmandenjahrgang. Drei Jahre kirchlicher Unterricht bei Pfarrer Walther Schmidt haben mich mit den 10 Geboten, dem Katechismus und dem Gesangbuch vertraut gemacht. Ich wurde vom Pfarrer zusammen mit 63 anderen Jungen unterrichtet.
Die 61 Mädchen unseres Bezirkes und Jahrgangs hatten getrennt von uns Unterricht. Wenn ich heute die Größe der Konfirmandengruppen sehe, bin ich überrascht, ja erstaunt. Mädchen und Jungen werden gemeinsam unterrichtet und – die Zahl der Teilnehmer ist geringer.
Zu meiner Zeit gab es zwei Pfarrbezirke, in denen jeweils eine Jungen- und Mädchen Gruppe gebildet werden konnten.
Nicht selten zählten wir pro Gruppe 50 und mehr Teilnehmer bzw. Teilnehmerinnen. Auch die Art des Unterrichts hat sich heute offensichtlich gegenüber früher geändert. Im letzten Jahr durfte ich in Bulmke Konfirmandenstunden besuchen und habe so ein paar Eindrücke sammeln können. Was für schöne Bücher und Hefte es doch heute gibt! Zu meiner Zeit waren in den Büchern kaum farbige Bilder zu sehen, höchstens mal ein paar einfache Zeichnungen! – Aber was ein evangelischer Christ vom Glauben wissen muss, das hat Pfarrer Schmidt uns in seiner humorvollen Art alles vermittelt.
Besonders legt er Wert darauf, uns die wichtigen Glaubensgrundlagen nahe zu bringen. So lernten wir Glaubensbekenntnis, Vater unser, die Sakramentserklärungen zu Taufe und Abendmahl, die 10 Gebote und zahlreiche Kirchenlieder kennen.
Was heißt kennen? Auswendiglernen war selbstverständlich – auch heute könnte ich noch viele Lieder ohne Gesangbuchhilfe mitsingen! Der kirchliche Unterricht dauerte drei Jahre und begann mit dem Katchumenenunterricht, mündete dann in den Konfirmandenunterricht und endete mit einer mündlichen Prüfung, die in einem gesonderten Prüfungsgottesdienst vor der zahlreich versammelten Gemeinde bestanden werden musste.
Wenn ich in diesem Zusammenhang an das "Abschlussgespräche" denke, das der heutige Pfarrer, Pastor Disselhoff, vor einigen Wochen mit dem Konfirmandenjahrgang 2011 geführt hat, dann wünschte ich mir, heute konfirmiert worden zu sein!
Heute, so scheint mir, ist alles viel lockerer und leichter geworden.
Fürher haben wir manchmal gestöhnt, dass wir neben der normalen Schularbeit und den Hausaufgaben auch noch für den "Pfarrer" lernen mussten. Aber das unterschied uns, so glaube ich, nicht von der heutigen Jugend. Gejammert wird auch heute.
Vorgestern fiel mir mein altes Katechismusbüchlein in die Hände, ein bisschen abgegriffen, aber was soll’s, das haben ja auch schon meine drei Brüder und meine zwei Schwestern vor mir benutzt!. Dann hatte ich es in Gebrauch. Drei Jahre lang war es mein Begleiter im kirchlichen Unterricht.
Vor der Konfirmandenprüfung habe ich fast jeden Tag darin gelesen. Mein Gott, war ich aufgeregt vor der Prüfung, - aber dann hat schließlich doch alles gut geklappt.
Zur Prüfung musste ich im abgelegten Anzug meines Onkels zur Kirche gehen. Meine Mutter hatte das "gute Stück" bestmöglichst geändert, dennoch schien ich darin zu versinken. Viel zu weit war der Anzug, und die ärmel waren zu lang!
Als Vater mich so vor der Kirche sah, hat er noch auf dem Kirchplatz zu meiner Mutter gesagt: "Frau, ich geh’ arbeiten und bekomme immer pünktlich meinen Lohn von den Eisenwerken. Für die Konfirmation kaufst Du dem Paul einen neuen Anzug. Geh gleich morgen Nachmittag mit Paulchen zu Overbeck & Weller und besorg unserem Sohn einen passenden neuen Anzug!"
Mutter vermochte nicht zu widersprechen, und ich war froh, hoffentlich etwas Gutes und vor allem Neues zu bekommen. Am Abend gab mein Vater der Mutter einen Geldschein und sagte: "Frau, für dieses Geld kaufst du morgen das Nötige, aber denke daran der Anzug muss schwarz sein".
Also ging es am nächsten Tag ab zur Stadt, wir mussten laufen. Endlich am Neumarkt angekommen, zog mich Mutter auch schon in das große Kaufhaus. Ein Angestellter brachte mir 3 Anzüge zur Probe. Der zweite war es dann , er passte wie angegossen. Nach dem Kauf ging es im Laufschritt zu Alsberg, da bekam ich das Hemd und die Fliege. Als ich meine Mutter fragte, wieso wir das nicht gleich mit dem Anzug zusammen gekauft haben, kam die Antwort : "Paul, Hemden kauft man bei Alsberg." Aber der eigentliche Grund, das meine Mutter zu Alsberg wollte, war der neue Hut. Stundenlang probierte sie Hüte, mir war langweilig und ich durfte mir gegenüber im Laden eine Tüte Bonbons holen.
Als ich wiederkam, stand Mutter da mit 2 Paketen, in einem mein Anzug und im anderen, welches fast doppelt so groß war mein Hemd und vermutlich Mutters neuer Hut. Welchen sie wohl gekauft hat? Ich trug die beiden Pakete , wir gingen dann zum Kuchenessen noch in das Bahnhofshotel. Danach bestiegen wir eine Bahn der Strassenbahnlinie 1 die uns fast vor der Haustür absetzte. Wir wohnten in der Walpurgisstrasse, in einem der Neubauten, welche die Eisenwerke für ihre leitenden Angestellten gebaut haben.
Am morgen meiner Konfirmation war um 4 Uhr die Nacht zu Ende. Wir Kinder wurden alle geweckt und mussten uns waschen und anziehen. Mutter bügelte grad Vaters Hemd, als ich fertig angezogen vor ihr stand in meinem neuen Anzug. Natürlich zupfte sie so lange an mir rum, bis sie der Meinung war, das ich anständig aussah. Vater rief aus dem Schlafzimmer nach seinem Hemd, ich brachte es ihm. Dann erschien er in Opas Gehrock und Zylinder in der Tür. Nun ja, beim Eintreten in die Küche fiel ihm der Zylinder vom Kopf, die Tür war nicht hoch genug. Wir Kinder mussten lachen. Ich ging dann mit Vater zum Gemeindehaus. Dort trafen wir uns alle um im Festzug zur Kirche zu ziehen. Vater machte kehrt um Mutter abzuholen und gemeinsam mit ihr zur Kirche zu gehen.
Wir zogen um halb zehn los und kamen an der Kirche an. Alles war festlich geschmückt, und ich meine die Glocken waren lauter als sonst.
Als wir in die Kirche einzogen, standen alle Gottesdienstbesucher auf. Ich entdeckte meine Eltern und Geschwister auf der Ostempore. Mutter mit ihrem neuen Hut. Mein Gott, war der groß, sie sah damit aus wie Kaiserin Auguste Victoria persönlich.
Pfarrer Schmidt führte den Zug an. Die Orgel spielte Großer Gott wir loben dich, bei der zweiten Strophe waren 2 laute Misstöne zu hören.
Ich dachte sofort, da hat der Altenhein daneben gegriffen. Pfarrer Schmidt schüttelte auch verständnislos den Kopf. Wir konnten uns ein Lächeln nicht verkneifen.
Der feierliche Gottesdienst begann sodann.
Ich war sehr aufgeregt als wir dann endlich zur Einsegnung nach vorn gerufen würden. Mein Freund Fritz stolperte sogar an der Altarstufe, konnte einen Sturz aber noch entgehen. Als Pfarrer Schmidt uns dann vor dem Altar stehend einsegnete, kam er mir unendlich groß vor, wobei er nur so groß war wie ich. Wir erhielten alle eine schön gerahmte Urkunde mit unserem Konfirmationsspruch. Danach folgte eine Beglückwünschung und mahnende Worte des Presbyteriums. Als wir alle eingesegnet waren, setzte der Gottesdienst sich in herkömmlicher Weise fort.
Am Ende setzte die Orgel mit ihrem mächtigen Klang klang ein. "Ein feste Burg ist unser Gott", alle Strophen wobei wir bei der vorletzten Aufstellung nahmen, um mit Pfarrer Schmid aus der Kirche auszuziehen. Kurz vor der Tür entdeckte ich in der letzten Reihe stehend, meine Großmutter, Sie war kleiner als ich, etwas rundlich von Statur, und immer schwarz gekleidet. Ich war sehr überrascht, wie hatte sie es wohl geschafft, ohne von mir bemerkt zu werden, aus Königsberg anzureisen? Wie ich später erfuhr, war sie schon eine Woche vorher bei Tante Anna in der Wanner Strasse angekommen. Mir war sofort klar, was zu Hause auf mich wartete, ihre berühmten gefüllten Klöße wird es wohl zu Mittag geben, und zum Kaffee Blechweise Apfelkuchen mit Sahne.
Wir setzen den Auszug fort, um uns vor der Kirche zum Gruppenfoto zu versammeln. Als das Foto gemacht war, kamen viele Nachbarn und Verwandte um mich zu beglückwünschen. Zu Hause angekommen, durfte ich zusammen mit Großmutter und Vater die etlichen Umschläge mit Glückwunschkarten öffnen .Dann standen dort auf dem Geschenketisch noch viele Blumen, mehrere kleine Pakete und eine riesige Holzkiste. Großmutter veranlasste mich zuerst die Holzkiste zu öffnen, die ihr Geschenk enthielt. Auf dem Deckel eingebrannt war eine Zeichnung vom Dom und Schloss in Königsberg.
Des Weiteren bekam ich Teller und ein Kaffeegedeck mit der Aufschrift "Zur Konfirmation". Meine Geschwister schenkten mir eine Porzellanschale gefüllt mit meinen Lieblingsbonbons mit Himbeergeschmack Zum Mittagessen erschien dann auch Pfarrer Schmidt, der das Tischgebet sprach. Er hatte auch ein Päckchen für mich dabei. Es enthielt ein Konfirmadenbüchlein und eine prächtige Gesangbuchausgabe mit Goldschnitt in die er vorn meinen Konfirmationsspruch eingetragen hatte. "Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat"
Am Abend konnte ich vor Aufregung lange nicht einschlafen. Am Donnerstag war dann das erste mal Abendmahl für uns Konfirmierte. In der Kirche angekommen, drückte mir Vater ein Geldstück, das in einem Zettel eingewickelt war, in die Hand. Es war so üblich, das man sich zum Abendmahl anmeldete. Ich klopfte an die Sakristeitür. Ein dreifaches "Ja bitte" war die Antwort. Ich öffnete. Vor mir standen unsere drei Gemeindepfarrer.
Pfarrer Schmidt lächelte und sagte: "Paulchen der Korb steht rechts auf der Kommode." Ich trat ein legte das Geld in den Korb, machte meinen Diener und ging in der Kirchraum. Mein Vater hatte schon seinen Platz eingenommen. Er saß immer rechts in der fünften Reihe neben der Säule. Nach der Abendmahlsfeier fragte ich noch auf dem Kirchplatz wieso man Geld für das Abendmahl gibt, und wieviel es sein müßte. Vater erklärte mir, dass Geld wäre für die Armen aus der Gemeinde bestimmt und das jeder das gibt was er entbehren kann. "Wieviel fragte ich vorlaut? Wir geben immer 5 Mark Paul. Heute aber waren es 10 Mark, wegen des besonderen Anlasses. Ich überlegte kurz und nickte dann meinem Vater zu.
Ob Sie glauben, dass es Paul Bulmke gegeben hat und seine Geschichte so stattgefunden hat, bleibt Ihnen überlassen. Aber bedenken Sie dabei, es könnte genau so geschehen sein.
[Eine Geschichte von Andreas Janke]

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