» Unser Gotteshaus entsteht



Paul Walter Bulmke    Wie oft muss ich dieser Tage, an denen das große Jubiläum der Pauluskirche vorbereitet wird, daran denken, welche Aufregungen uns die Einweihung 1911 brachte. Schon seit der Grundsteinlegung befassten wir uns mit dem Monumentalbau, der gegenüber unserer Schule entstand. Wie oft wurden wir vom Lehrer ermahnt auf die Tafel, und nicht aus dem Fenster hinüber zu schauen. Es war eh der strengste Lehrer der Schule, wenn es ihm zu bunt wurde, kam immer der Satz : „Mein Gott, hätte der olle Wilms doch blos den Protestanten nicht dieses Fleckchen Erde verkauft! Jetzt bauen die ihre Gottesburg direkt vor unseren Fenstern“.

  Nun ja er als Katholik musste so denken, ökumene zwischen Katholiken und Protestanten war damals nicht in Mode, heute hingegen wird ökumene in Bulmke gelebt, wie ich erfreut feststellen konnte. Aber nun zurück. Wie oft wir nach der Schule auf der Bleichwiese standen und die Bauarbeiten verfolgten, kann ich nicht zählen. Also mit Bleichwiese ist der heutige Pauluskirchplatz gemeint. Selbiger wurde erst Ende der 20. er Jahre angelegt. Vorher diente dieses Wiese den Anwohnern zum bleichen ihrer Wäsche. Wir standen immer lange dort und staunten über den schnellen Fortgang der Arbeiten. Wenn ich wir sage, meine ich meinen Freund Fritz, der eigentlich Friedrich Wilhelm hieß, meinen Bruder Julius und mich, Paul Walther Bulmke. Wenn wir dann einmal wieder zu spät zum Mittagessen eintrafen, meinte die Mutter: „Haben die Herren Baumeister wieder an ihrer Kathedrale gebaut?“ Unser Antwort war meist : „Sicherlich liebe Mutter, wir müssen doch alles kontrollieren, damit niemand bei der Arbeit an unserer schönen Kirche pfuscht“ Das gab meistens großes Gelächter aller Anwesenden. Ich amüsierte mich darüber ,hingegen war Julius immer zu Tode beleidigt und bemühte sich den ganzen Tag ärgerlich zu gucken. Meist hielt das aber nur bis zum Kuchenessen an.

Wir drei standen also mal wieder da und beobachten, als plötzlich eine Stimme von hinten sagte: „Ja schau her, die beiden Herren von und zu Bulmke und Fritzchen beschauen unsere Kathedrale“ Wir drehten uns erschrocken um , da standen Pfarrer Schmidt und Pfarrer Emde hinter uns. Pfarrer Emde sagte dann: „ Bruder Schmidt wollen wir den Jungs ihre Kirche von innen zeigen?“ Ich dachte, ich höre nicht richtig, dass wäre das Größte für uns, einmal ins Innere der Baustelle schauen zu können.

Pastor Schmidt nickte und meinte noch :“Aber ihr bleibt in meiner Nähe." Also ging's hinüber über die große Freitreppe auf den schon gepflasterten Kirchplatz. Zwei Portale zur Auswahl. Aber Pfarrer Emde steuerte Zielsicher das linke Portal neben dem Turm an. Als wir durch die erste große Türöffnung traten standen wir in der kleinen Vorhalle.

  Julius fragte vorlaut:“ Sach ma, Pastor Schmidt wofür issn dieser Raum?“ Er antwortete, dass dieser Raum einfach nur dafür sorgt , dass die Gottesdienstbesucher nicht durch das öffnen der Aussentür in ihrer Andacht gestört werden. Das sich hier später einmal die über 250 Namen der für Kaiser und Reich gefallenen Gemeindegleider auf Ehrentafeln wieder finden sollten, daran konnte Niemand in diesem Herbst 1911 denken. Wir betraten den Kirchraum, was für eine Höhe sich da vor uns zeigte, war unfassbar. Das wunderschön bemalte Tonnengewölbe, was die Kirche nach oben abschloss, endete in 14 Metern Höhe. Dann richtete sich unser Blick auf das monumentale Altarkreuz. Einfach herrlich, was wir dort alles sahen, kein Vergleich zum Kirchraum im Vereinshaus an der Florastrasse.

Wir standen nur da mit offenem Mund und schauten uns um. Die Maler waren gerade dabei Bibelverse an die Emporenbrüstungen zu malen. Pfarrer Schmidt legte seine Hand auf meine Schulter uns sagte : „Paulchen, wenn du nächstes Jahr konfirmiert wirst bekommst du einen dieser Verse als Konfirmationsspruch."

  Ich musste oft daran denken und es traf genau so ein. "Unser Glaube ist der Sieg der die Welt überwunden hat." So stand es 1912 auf meiner Urkunde.

  Wir dankten den beiden Pfarrern herzlich, dass wir diese einmalige Gelegenheit bekommen hatten, unsere neue Kirche von innen zu sehen. Pfarrer Emde lag da ein Grinsen im Gesicht, und er meinte, dass wir morgen mal in Kleidung die auch schmutzig werden dürfte hier um drei Uhr Nachmittags auf ihn warten sollten. Wir liefen nach Hause und berichteten von dem Erlebten. Vater meinte, dass er es uns nicht erlauben würde, er müsste erst wissen was geschehen wird. Traurig gingen wir auf unsere Zimmer. Vater hingegen zog sich an und ging noch einmal aus dem Hause. Julius lief zu Mutter um zu fragen, wohin Vater ginge. Sie meinte nur :“Du wirst es erwarten können“. Beim Abendessen saßen wie auf heißen Kohlen. Wird Vater doch zustimmen und uns das Abenteuer am nächsten Tag gestatten? Kein Wort wurde darüber verloren. Am Freitag endete die Schule um 13 Uhr.

  Zuhause angekommen, mussten wir in der Küche essen. Komisch Freitags aßen wir sonst immer alle im Esszimmer, aber es schmeckte auch so. Mutter mahnte zur Eile. Julius trödelte wieder solange, bis Mutter ungehalten wurde und sagte : „Kinder zügig, ihr werdet doch den HerrnPfarrer nicht warten lassen“ Juhu, wir durften zur Kirche, Lina unser Hausmädchen hatte schon alte Kleidung bereitgelegt. Julius war nicht wiederzuerkennen. Im Handumdrehen war er umgezogen und hatte sogar schon Schuhe an. Im Laufschritt ging es dann durch den Park und die Hammerschmidtstrasse bis zum Kirchplatz. Wir waren pünktlich. Die Turmuhr die man von allen Seiten sehen konnte zeigte 5 Minuten vor Drei. Pastor Emde stand im Portal , begrüßte uns und sagte :“ Dann mal aufwärts“. Juhu wir durften hoch in den Turm. Ein ganz schön anstrengender Aufstieg .Oben angekommen sahen wir die drei glänzenden Bronzeglocken die schon im Glockenstuhl hingen und auch die elektrischen Motoren waren schon angeschlossen. „Läuten die schon „ fragte Julius. „Ja aber Finger weg“ erwiderte eine bekannte Stimme von oben. Es war unser Vater der eine Etage höher die komplizierte Technik der Turmuhr bestaunte. Ich rief: „ Vater wieso bist du denn hier“ Er antwortete :“ Ich bin genau so neugierig wie ihr beiden Lausebengel und wollte auch schauen, wie schön unsere Kirche gebaut wird“. Aus den Turmfenstern sahen wir hinweg über das hohe Dach der Oberrealschule bis hin in die Stadt. „Die sind aber höher als wir " , meinte Julius plötzlich. Vater und Pfarrer Emde schauten sich an und mussten schmunzeln. Julius meinte, den Turm der katholischen Pfarrkirche Heilige Familie. Pfarrer Emde berichtete, dass der Turm der höchste Kirchturm in Gelsenkirchen wäre und er sogar höher ist als der von St.Augustinus in der Altstadt. „ Wieso haben wir nicht noch höher gebaut", wollte Julius wissen. Vater erzählte etwas von preußischen Tugenden , vor allem von Bescheidenheit. Dieser Vortrag schloss jedes Nachfragen aus, belustigte aber alle Anwesenden zutiefst. Wieder unten angekommen, erwartete uns Pfarrer Schmidt mit einem Paket unter dem Arm. Er führte aus, dass selbiges aus Berlin käme und eine Altarbibel mit der Widmung der Kaiserin Auguste Viktoria enthielt. Mit großer Ehrfurcht zeigte er seinem Amtsbruder Emde und uns die Bibel. Ich erinnere mich noch, dass Vater etwas ganz leise mit beiden Pfarrern besprach und einen Schein aus seiner Geldbörse übergab. Einige Wochen später, es war schon der erste Advent vorbei, fanden wir uns alle samt Hausangestellten und meiner Mutter in der Kirche wieder.

  Es war der 8. Dezember und die Kirche musste geputzt werden, damit für die Einweihung alles sauber war. Julius und ich hatten die Aufgabe, immer frisches heißes Wasser aus dem Pfarrhaus zu holen. Wie oft wir die Zinkeimer neu füllten, weiß ich nicht, aber es kam mir wie tausend mal vor. Viele Frauen aus der Gemeinde hatten sich eingefunden, um tatkräftig mitzuhelfen. An der Orgel wurde noch gearbeitet, irgend etwas war noch nicht so, wie es sein sollte. Herr Pohl und Lehrer Altenhein probten an den Tasten und einige Orgelbauer änderten immer wieder die Töne ab. Drei Tage zog sich diese Putzorgie hin .Aber die auf den 12.Dezember festgesetzte Einweihung wurde dann noch auf den 15.Dezember verschoben, weil noch nicht alles fertig war. Am Abend des 14. Dezember 1911 erhob sich erstmals der Klang des Geläutes der Pauluskirche über Bulmke.

  Am Morgen des 15.Dezember hielt Pfarrer Schmidt den Abschiedsgottesdienst im Vereinshause Florastrasse. Ein Festzug von imposanter Länge setzte sich in Bewegung, man hörte schon aus der Ferne den Klang der Glocken schallen. Vorn gingen die Geistlichen, gefolgt von den Presbytern ,welche die heiligen Geräte trugen, und dann die Repräsentanten. Dann die Gemeindeschwestern mit den Kindergottesdienstkindern. Die Ehre, die Schwarz-Weiß-Rote Kindergottesdienstfahne zur Kirche zu tragen, hatte mein Bruder Julius .Ich ging neben meinem Vater, der die Fahne des Ost-und Westpreußischen Arbeitervereins Bulmke trug. In Sichtweite der Kirche angekommen, ertönte Choralblasen vom Turm. Ich erinnere mich nicht mehr welche Choräle gespielt wurden, aber es war sehr schön .Bis alle in die Kirche eingezogen waren, dauerte es lange. Viele hatten keinen Sitzplatz mehr bekommen und standen in den Gängen. Wir standen mit den Fahnen aller Vereine auf der Orgelempore. Nach der Begrüßung durch Pfarrer Schmidt, setzte die Orgel mit ihrem brausenden Klängen ein und spielte "Großer Gott wir loben dich." Einen so würdevollen Gottesdienst hatte ich noch nicht erlebt .Der Generalsuperintendet Zöllner und der Präses, der Provinzialsynode König, nahmen unter Hilfestellung unsere beiden Gemeindepfarrer die Weihe der Kirche vor. Von nun an war für uns immer Gottesdienst in der Pauluskirche. Der kleine Kirchsaal hatte als Gottesdienstort ausgedient. Die Weihnachtsgottesdienste waren für mich besonders eindrucksvoll, eigentlich muss ich sagen, dass alles eindrucksvoll war.

  Wir fanden beim Betrachten der Kirche während der Gottesdienste jedesmal etwas Neues, was wir bestaunen konnten .In unserem Kinderzimmer hing jetzt auch eine Photographie der Pauluskirche und daneben der Teller mit dem Bild der Pauluskirche, welchen Julius im Weihnachtskindergottesdienst geschenkt bekommen hatte. Das Bild von der Grundsteinlegung, auf dem auch Julius, Fritz und ich zu sehen sind, hing im Esszimmer.

Wie stolz waren wir auf unser neues Gotteshaus. Endlich eine würdevolle Kirche als Mittelpunkt der Gemeinde.

  [Eine Geschichte von Andreas Janke]









Turm Pauluskirche

Turm Pauluskirche

Turm Pauluskirche