» Ferienerlebnisse - Königsberg 1913
Endlich war es soweit, die großen Ferien standen vor der Tür! Ich freute mich schon seit Wochen auf den letzten Schultag. Es war ein Freitag, und dieser Schultag begann mit einem Gottesdienst in unserer Pauluskirche. Es folgten noch 6 Stunden Unterricht, dann war es geschafft. Juhu, Ferien!!! Ich wartete auf dem Schulhof auf meinen kleinen Bruder Julius, er trödelte wie immer und kam erst als einer der Letzten aus dem Schulgebäude.Ach so, ich muss erwähnen, dass wir beide die Oberrealschule in Bulmke besuchten. Zuhause angekommen, wurden die Schulsachen in den Schrank geräumt, Mutter hatte schon Platz dafür geschaffen. Wir gingen am Nachmittag mit Mutter zum Bahnhof, um die Zugfahrkarten, für Julius und mich abzuholen. Das war das erste Mal, dass ich allein mit meinem Bruder in die Ferien fuhr. Sonst war Mutter immer dabei. Aber dieses Jahr war sie zusammen mit Vater der Ansicht, dass ich nun groß genug sei, die Reise mit meinem Bruder Julius, ohne ihr Beisein anzutreten. Wie immer fuhren wir zu den Großeltern nach Ostpreußen. Die Reise dauerte immer anderthalb Tage. Am folgenden Tag wurden wir von Vater mit unseren Koffern zum Bahnhof gebracht. Ich kann mich heute noch genau an den Reiseverlauf erinnern. Ich habe die Stationen auswendig gelernt, um beim Umsteigen keinen Fehler zu machen. Die erste Etappe war Gelsenkirchen – Berlin! Die Fahrt dauerte 11 Stunden. In Berlin angekommen, blieben uns 3 Stunden Zeit, bis der nächste Zug losfuhr. Julius und ich hatten in der Zeit eine Kartoffelsuppe mit Bockwurst im Bahnhofsrestaurant gegessen. Wir kauften noch ein paar Bonbons, als schon der nächste Zug ausgerufen wurde. Nun war es Zeit, unseren Platz im Abteil einzunehmen. Dieser Zug hatte eine ganz neue Schnellzug-Lokomotive der Firma Krupp. Julius referierte darüber, er hatte zu seinem Geburtstag ein Buch bekommen, in welchem alle technischen Errungenschaften dieses Jahrhunderts beschrieben wurden. Die Fahrt dauerte sehr lange. Die Strecke verlief wie folgt: Berlin – Stettin – Bromberg – Marienburg – Elbing - Königsberg i. Pr.
Am Sonntagabend erreichten wir den Königsberger Hauptbahnhof, ich erinnere mich noch an die Durchsage . „Königsberg Hauptbahnhof, hier Königsberg Hauptbahnhof - alle aussteigen, der Zug endet hier."
Nun standen wir auf dem Bahnsteig mit unseren Koffern. Weit und breit war nichts von unserer Großeltern zu sehen. Julius jammerte schon, was wir denn nun machen sollten, als endlich die Großmutter die Treppe heraufkam. Eine große Freude war es, sie wiederzusehen. Das letzte Mal war sie im April 1912 zu meiner Konfirmation bei uns. Sie mahnte uns zur Eile, denn der Großvater würde ungeduldig vor dem Bahnhof auf uns warten. Tatsächlich, ich traute meinen Augen nicht. Unser Großvater saß hinter dem Steuer eines Automobils. Später erzählte er uns, dass er dieses Automobil vom Pfarrer geliehen habe. Julius schaute noch lange genauestens alle Details dieses Vehikels an. Großvater meinte, dass wir am kommenden Sonntag noch viele solcher technischen Wunderwerke sehen würden. Wir aßen zu Abend und verschwanden dann todmüde im Bett. Am Morgen wurden wir durch das Quietschen der „Elektrischen“ geweckt. Das Haus unserer Großeltern lag genau im Straßenknick zwischen dem Schlossplatz und der Hauptstraße. Jedes Mal wenn die Straßenbahn kam, quietsche es erbärmlich .Wir kannten das schon und gewöhnten uns schnell wieder daran. Die Großeltern hörten das schon gar nicht mehr.
In der ersten Ferienwoche hatte Großmutter ein kleines Programm für uns zusammengestellt. Wir gingen an einem Tag ins Schloss, wo auch ein Museum für die Preußische Geschichte eingerichtet war. Dann zeigte sie uns auch die neuen großen Kaufhäuser, die es gab. Dort gab es alles zu kaufen, was man sich vorstellen konnte. Sogar eine Spielwarenabteilung, aus der Julius gar nicht mehr wegzukriegen war. Es gab Blecheisenbahnen, die ihn faszinierten. Sogar ein Modell der neuen Krupplokomotive, mit der wir angereist waren, gab es dort.
Großvater kam immer erst am Abend von der Arbeit. Er war als Küster und aushilfsweise als Organist im Königsberger Dom tätig. Eines Abends kam er erst sehr spät heim. Wir warteten mit dem Essen lange. Als er kam, berichtete er von dem großen Ereignis, was kommenden Sonntag stattfinden sollte. Ein großer Festtag für die Königsberger! An diesem Sonntag sollte das Kaiserpaar in Königsberg eintreffen und an dem Festgottesdienst teilnehmen. Der Grund war das 25-jährige Thronjubiläum seiner Majestät, welches er am 15. Juni schon im Berliner Dom begangen hatte. Nun kam er in die alte preußische Krönungsstadt, um im altehrwürdigen Dom für diese Gnade Gottes zu danken.
Julius und ich hatten schon zu Hause in Gelsenkirchen alles verfolgt, was mit dem Jubiläum zu tun hatte. Vater brachte uns täglich aus dem Büro die „Gelsenkirchener Nachrichten“ mit. Julius hatte ein Album angelegt, in das er jeden Zeitungsausschnitt einklebte. Auch hatte er alle Bilder, auf denen der Kaiser zu sehen war, eingeklebt. Mutter hatte das Album mit blauem Samt bezogen und silberne Litze aufgenäht.
In der Schule wurde auch viel über den Kaiser gelehrt. Ich musste eine Referat über die preußischen Könige halten. Wie froh war ich doch, dass Vater mir ein Buch schenkte, welches aus Anlass des Thronjubiläums herausgegeben wurde. Ich konnte daraus viel für mein Referat verwenden. Ich bekam sogar eine Eins dafür.
Wir freuten uns schon auf das kommende Wochenende.
Am Mittwochmittag begleitete ich Großmutter zum evangelischen Vereinshaus. Großmutter leitete bereits seit 10 Jahren die Frauenhilfe der Königsberger Stadtgemeinde.
Die Damen trafen sich im zweiwöchigen Turnus. Es wurde Kaffee getrunken, Handarbeiten gemacht und aktuelle Themen erörtert. An diesem Mittwoch stand alles unter dem Einfluss des kaiserlichen Besuches. Ich durfte bleiben und versorgte die Damen mit Kaffee. Es war genauso wie in Bulmke , wenn Mutter zur Frauenhilfe ging. Jede Dame brachte ihr eigenes Kaffeegedeck mit. Ich schenkte dann immer Kaffee nach. Die Kaffeetasse von der Frau des Manufrakturwarenhändlers im Nebenhaus meiner Großeltern fand ich besonders schön. Ein Bild des Kaisers war auf der Tasse in einem silbernen Lorbeerkranz zu sehen. „Schöne Tasse, Frau Kaludrigkeit“ sagte ich. „Wir haben viel solches Geschirr im Laden, komm Morgen mit Julius mal zu uns!“ Ich sagte, dass ich das bestimmt machen würde.
Unterdessen ergriff Großmutter das Wort und berichtete, dass sie ein Schreiben Ihrer Majestät der Kaiserin erhalten habe, in dem sie aufgefordert wurde, an dem Gottesdienst teilzunehmen, um eine Ehrung für den 10-jährigen Vorsitz zu erhalten. Ich schaute verdutzt. Die Damen applaudierten. Auf dem Nachhauseweg löcherte ich Großmutter mit Fragen. Wie gern würde ich auch das Kaiserpaar sehen. Großmutter sagte: „Natürlich werdet ihr zwei Lorbasse mit in den Dom kommen, und so auch das Kaiserpaar sehen.“
Zuhause angekommen berichtete ich Julius von dem Gehörten. Er war noch aufgeregter als ich, er holte sogleich seine Matrosenuniform aus dem Schrank und fing an, die Messingknöpfe zu polieren.
Großmutter amüsierte sich und sagte dann: „Ach ja Paulchen, du musst mich übrigens nach vorn geleiten, du weißt ja, dass ich nicht so recht laufen kann seit dem Unfall.“
Natürlich wusste ich das. Großmutter geriet einmal mit dem rechten Bein in den Treibriemen einer Erntemaschine, und seitdem konnte sie schlecht laufen.
Julius sagte: „Ey, Peule, wat für ne Ehre für dich, wenne Glück hast, kriegste noch die Hand von der Kaiserin gereicht!“ Ich fand diesen Gedanken erhebend.
Ich konnte die Nacht schlecht schlafen. Die Gedanken spukten in meinem Kopf. Aber auch der unruhige Schläfer mit dem ich das Bett teilte, trug wenig zu einen entspannenden Nachtruhe bei. Erst redete Julius ununterbrochen, dann drehte er sich immer so, dass er mein Zudeck wegzog. Es war spät geworden, die Turmuhr am Schloss läutete halb drei, als ich endlich einschlief. Die Ruhe währte nicht lange, denn knapp eine Stunde später war ich wieder wach. Julius hatte mich durch einen Fußtritt ins Gesicht geweckt. Ich schob ihn von mir auf seine Bettseite und hoffte, er werde nun ruhiger schlafen.
Er erwachte morgens putzmunter, ich hingegen war gerädert. Wir beide liefen nach dem Frühstück rüber zum Laden von Familie Kaludrigkeit. Herr Kaludrigkeit winkte schon von weitem. Als wir den Laden betraten, kam seine Frau und sagte: „Jungens, schaut mal, dies ist das Jubiläumsgeschirr, ihr dürft euch jeder ein Teil aussuchen.“ „Egal wat?“ fragte Julius.
Ich stieß ihn an, Frau Kaludrigkeit lachte und sagte: „Natürlich, Julchen.“ Er schaute lange, wägte ab und entschied sich für einen Henkeltasse, mit dem Bild des Kaiserpaares.
„Wat nimmse, Peule?“ fragte er mich. Ich hatte einen Wandteller ins Auge gefasst, über den sich Mutter bestimmt freuen würde. Ich bekam das Objekt der Begierde. Herr Kaludrigkeit verpackte alles so gut, dass es die Reise ins Ruhrgebiet gut überstand. Wir dankten recht herzlich und liefen zur Großmutter, um zu berichten.
Es wurde nur noch über das bevorstehende Wochenende gesprochen. Am Freitag begleiteten wir Großvater zur Arbeit. Wir sollten mithelfen, im Dom die Vorbereitungen zu treffen. Mich faszinierte die mächtige Doppelturmfassade aus dem 14.Jahrhundert. Julius hingegen sagte: „Opa, is zwar schön, dasse zwei Türme an deiner Kirche hast, aber weißte, unsere Pauluskirche is ja mit einem Turm viel schöner!“
Großvater lachte und sagte: „Ja, Julchen, mit der Kathedrale in eurem kleinen Königreich kann der Königsberger Dom nicht mithalten!“ Nun ja, unser Kirche war zwar wesentlich neuer als der Dom, dafür war der Dom um ein vielfaches größer als die Pauluskirche. Großvater ging mit uns durch den Sakristeieingang. Dazu mussten wir erst durch einen kleinen Park, dann vorbei am Grabmal von Imanuel Kant, welches sich hinter dem Chor befand.
In der Sakristei angekommen, bekam Julius eine Schürze umgebunden und den Auftrag, die Silberkelche für das Abendmahl zu polieren. Großvater und ich trugen die Altar und Kanzelbehänge in den Kirchraum. Ich durfte auf die Kanzel, um das Parament zu befestigen. Als ich wieder hinuntergestiegen war, stand dort der Pfarrer vor mir und sagte: „Schau an, der junge Herr nimmt schon meinen Platz auf der Kanzel ein.“ Ich entschuldigte mich und sagte, dass mein Großvater mich damit beauftragt habe und stellte mich erst einmal vor. Der Pfarrer lachte und sagte: „Paulchen, du brauchst doch nicht zu sagen wer du bist, ich kenn dich doch.“ Jetzt fiel mir ein, wer dieser Pfarrer war. Es war der Schulfreund meines Großvaters. Dieser Pfarrer hat mich auch damals hier getauft. Mittlerweile war er Oberhof– und Domprediger in Königsberg.
Unvermittelt stand auf einmal Julius vor uns und sagte: „So, Opa, fertich, jetzt zeichste aber dem Peule und mir erstmal die Orgel!“ „Julius kennst du dich den mit dem Orgelspiel aus?“ fragte der Pfarrer.
„Nööö, aber Peule kann gut spielen, er übt samstags immer bei uns anner Orgel und durfte auch schon einmal ein Lied im Gottesdienst spielen!“ „Ja, Paulchen, dann mal hoch mit uns, dann zeig mal, was du kannst.“ Mir war das peinlich , dass Julius wieder alles ausplauderte . Auf der Orgelempore angekommen, öffnete ich den Spieltischschrank und war erstaunt über die Ausmaße dieser Orgel. Sie war wesentlich größer als unsere in der Pauluskirche. Aber wir hatten in Bulmke ein Orgelwerk und 14 Register mehr.
Der Pfarrer forderte mich auf, mein Lieblingslied zu spielen. Er und Großvater traten die Blasebalge. Ich spielte „Großer Gott, wir loben dich“. Es gelang aus meiner Sicht ohne Fehler. Die Anwesenden lobten mein Spiel, aber ich wusste, dass ich noch nicht so gut wie Großvater oder der Organist war.
Wir verbrachten noch einige Stunden im Dom, um auch alles gut vorbereitet zu haben. Julius und ich steckten die Liedertafeln und klopften den Altarteppich im Garten.
Als wir um sechs Uhr abends fertig waren und vor dem Dom standen, hörten wir uns noch das Glockenspiel an. Es ertönte immer der Anfang der 5.Sinfonie von Beethoven.
Zum Abendessen gingen wir dann nach Hause. Großmutter wartete schon, es gab mein Lieblingsessen, gefüllte Klöße. Julius nörgelte wieder rum, er mochte diese Delikatesse gar nicht. Aber Großmutter hatte vorgesorgt.
Sie hatte für Julius extra Kartoffelsalat mit Würstchen gemacht. Nun war er selig und verschlang zwei volle Teller mit Salat und fünf Würstchen. Der Samstag ging wie im Fluge vorüber. Großmutter verbrachte Stunden beim Frisör. Großvater arbeitete, und Julius und ich waren in der Stadt unterwegs. Wir gingen alles früh schlafen. Mit dem 5- Uhrläuten war die Nacht zu Ende. Wir standen alle auf und machten uns fertig für den Kirchgang. Ein kleines Frühstück wurde gereicht. Eigentlich aßen wir sonst nie etwas vor einem Abendmahlsgottesdienst. Aber da der Gottesdienst länger als gewohnt dauern würde, bestand Großmutter darauf, dass jeder eine Kleinigkeit esse. Wir machten uns danach langsam auf den Weg zum Dom. Als wir über die Brücke auf die Dominsel gingen, rief Julius laut: „Opa, hasse jestern ohne mich die Fahnen aussem Turm gehängt? Und wat is dat eigentlich fürn Vogel auf der goldenen Fahne?“ Großvater lachte und sagte: „Jule, der Vogel ist der Preußenadler, und das ist die Kaiserstandarte.“ „Ach so, weißte bei uns hängen nur weiß-lila Fahnen an Feiertagen und schwarz-weiß rote Fahnen zu Kaisers Geburtstag.“ Ich bestätigte, dass es bei uns so sei. „Ja wenn der Kaiser mal zu euch in die „Kathedrale“ kommt, werdet ihr auch anders Flaggen müssen“, erwiderte der Großvater.
Wir betraten den Dom durch das Hauptportal. Großmutter und ich hatten unseren Platz im rechten Seitenschiff eingenommen. Großvater zog sich sein Küstergewand an und begab sich zur Tür, um die Gottesdienstbesucher zu begrüßen. Ich schaute mich nach Julius um, nirgends war er zu sehen. Großmutter meinte, dass Julius schon rechtzeitig auftauchen werde. Plötzlich sah ich ihn. Julius winkte von der Orgelempore, und deutete gestenreich an, dass er den Blasebalg treten würde. Gut dachte ich, dann ist er wenigstens beschäftigt.
Mit dem 10-Uhrläuten ertönte die Orgel. Alle standen auf, die Kaiserhymne wurde gespielt, und das Kaiserpaar betrat den Dom. Das Kaiserpaar nahm Platz im Chorraum oberhalb der Domherren, und der Gottesdienst begann. Nach dem Abendmahl kam der für uns so besondere Teil. Oberhofprediger Dohmann leitete die Ehrung ein. Großmutter wurde nach vorn gebeten. Ich stützte sie, und wir gingen zusammen bis zum Altarraum. Ich blieb an der Stufe stehen, der Pfarrer geleitete dann meine Großmutter zum Kaiserpaar. Ich konnte jedes Wort verstehen, was Kaiserin Auguste Viktoria sagte. Sie lobte den uneigennützigen Einsatz meiner Großmutter und die segensreiche Arbeit in der Frauenhilfe der Königsberger Stadtgemeinde. Sie bekam einen großen Rahmen mit einer Urkunde und eine silberne Anstecknadel, welche die Kaiserin eigenhändig an Großmutters Kleid steckte. Dann redete der Kaiser einige Worte mit Großmutter. Daraufhin drehte sie sich um und deute mir an, näher zu kommen. Zögerlich betrat ich den Altarraum, in gebührendem Abstand machte ich meinen Diener vor dem Kaiserpaar. Der Kaiser sagte mit markanter Stimme: „Mein Sohn, tritt näher, so lässt es sich besser reden.“ Er reichte mir die Hand, ebenso die Kaiserin. Ich war völlig aufgelöst, aber versuchte mich zu beherrschen. Die Kaiserin fragte mich, woher ich denn käme. Ich berichtete, dass ich mit meinem Bruder Julius erstmalig ohne Eltern die Reise aus dem Ruhrgebiet hin zu den Großeltern bewältigt habe. Sie sagte: „Wie löblich, dass du deine Großmutter an diesem Ehrentag in die Kirche begleitet hast.“ Ich erwiderte: „Es ist selbstverständlich für mich. Zuhause in Bulmke, gehen ich auch immer um 10 Uhr in die Kirche und um 11 Uhr helfe ich auch beim Kindergottesdienst.“ „Bulmke?“ sagte die Kaiserin. „Ja, Majestät! Bulmke in Gelsenkirchen.“ Kaiserin Auguste Viktoria sagte dann: „Ich erinnere mich, dass ich seinerzeit die Bibel zur Einweihung der dortigen Kirche stiftete.“ „Ja, so ist es Majestät. Am 15. Dezember 1911 wurde unsere Kirche geweiht, und seit diesem Tage wird die wunderschöne Goldschnitt Bibel im Gottesdienst genutzt.“ Der Kaiser ergriff das Wort: „Mein Sohn, als stetige Erinnerung an diesen Tag möchte ich dir dieses Kästchen übergeben.“ Ich danke und machte einen tiefen Diener. Nach einem Abschiedswort kehrten Großmutter und ich zu unseren Plätzen zurück. Weitere Personen wurden geehrt. Nach dem Gottesdienst verließ das Kaiserpaar den Dom. Ich sah, dass der Kaiser meinem Großvater an der Tür ansprach und ihm dann sogar auf die Schulter klopfte. Das Kaiserpaar stand noch lange auf dem Kirchplatz und wurde bejubelt. Dann bog das große weiß goldene Automobil des Kaisers um die Ecke.
Oberhofprediger Dohmann schritt noch einmal zum Kaiserpaar, um dieses zu verabschieden. Ich traute meinen Augen nicht, mein Bruder Julius schritt an der Seite des Pfarrers mit auf das Kaiserpaar zu. Großmutter sagte: „Gottchen, was macht der Lausebengel da? Paul hol ihn zurück!“ „Kann ich nicht machen Oma, es wird ihn schon jemand zur Seite nehmen.“
Zu unserem Erstaunen fasste der Pfarren Julius sogar an der Hand, und beide standen nun vorm Kaiserpaar. Julius zog seine Matrosenmütze vom Kopf und verbeugte sich. Die Kaiserin sprach mit Julius, und ein Offizier gab ihm dann sogar noch etwas in die Hand.
Das Kaiserpaar bestieg das Automobil und fuhr zum Schloss. Julius kehrte grinsend zu uns zurück. Großvater war zwischenzeitlich auch schon bei uns eingetroffen. „Was war das für eine Aktion Julius, Bulmke?“ sagte Großmutter. „Nüscht Oma, ich wollt dem Kaiser auch mal Tach sagen.“ Wir waren entsetzt. Wie dreist von Julius. Ich fragte dann, was hast du denn mit der Kaiserin besprochen? „Ach Peule, nüscht Besonderes, hab mich nur vorgestellt und für die Ehrung von Oma gedankt. Die Kaiserin hat auf meinem Mützenband gelesen, dass ich auch ein Bulmker bin und fand die Bandinschrift amüsant.“ „Und was hat dir der Offizier gegeben?“ fragte ich. „Ne Kiste mit nem Taler.“ Großvater nahm Julius das Kästchen aus der Hand und öffnete es. Er staunt: „Was hast denn du jekricht, Peule?“ fragte Julius mich.
Ich hatte mein Geschenk ganz vergessen und bat Großmutter in ihrer Tasche zu schauen, was das Kästchen beinhalt. „Ihr seid jetzt beide reich.“ sagte sie. Sowohl in meinem Kästchen als auch in dem von Julius war eine Goldmünze, im Wert von 10 Goldmark. Eine Sonderprägung zum Thronjubiläum des Kaisers! Wir freuten uns wie Schneekönige. Den wirklichen Wert lernten wir erst später schätzen. Jetzt war es unser „Größtes“ dem Kaiserpaar begegnet zu sein.
Zuhause angekommen, musste sich Großmutter etwas hinlegen, es war anstrengend für siegewesen. Ich setzte mich mit Julius an den Esstisch und schrieb einen 4-seitigen Brief an unsere Eltern, um von dem Ereignis zu berichten.
Noch zwei schöne Ferienwochen folgten. Wir machten sogar einen Ausflug ins Ostseebad Cranz. Mit einem Dampfer der „Weißen Flotte“ fuhren wir über den Pregel. Das ist der Fluss der Königsberg mit der Ostsee verbindet nach Cranz. Im Fluge waren die sechs Wochen um.
Am Bahnhof versprachen uns die Großeltern, zu Weihnachten nach Gelsenkirchen zu kommen. Wir fuhren nun gen Heimat. Zuhause angekommen, erwarteten uns die Eltern am Bahnhof, sogar mein Freund Fritz war da, um mich zu begrüßen. Auf dem Nach-Hause-Weg plapperte Julius ununterbrochen und berichtete von unseren Erlebnissen.
Nach dem Gottesdienst am folgenden Sonntag, berichteten wir auch Pfarrer Schmidt von dem Erlebten. Er lachte laut und sagte: „Typisch meine Bulmkes! Nicht nur, dass sie so heißen wie unser Stadtteil, jetzt haben die in den Ferien auch noch das Kaiserpaar gesehen und begrüßt.“
Zu Julius meinte Pfarrer Schmidt dann während einer Konfirmandenstunde, in der Julius lebhaft, wie es seine Art war, von allem berichtete. „Wenn du das nächste Mal deinen Freund, den Kaiser, triffst, lad ihn doch zum Gottesdienst in die Pauluskirche ein!“
[Eine Geschichte von Andreas Janke]



