» Doppelte Taufe



  Es sollte wieder zu den Großeltern nach Königsberg gehen. Julius und ich waren in diesem Juni 1914 schon voll Vorfreude auf den Sommer in Ostpreußen. Vor allem würden wir unseren großen Bruder besuchen können, der seit einem Jahr seinen Kriegsdienst bei dem 1. ostpreußischen Artillerie Regiment in Gumbinnen machte.

  Wir würden ihn an einem Wochenende besuchen dürfen. Es sollte aber anders kommen. Am 29. Juni kamen wir nach Hause, wo Vater uns erwartete und im Arbeitszimmer etwas vorbereitet hatte. Etliche Tageszeitungen waren ausgebreitet, alle mit derselben Schlagzeile: „Attentat in Sarajevo-österreichs Thronfolger Franz Ferdinand und Gattin ermordet.“ „Das zieht Unheil nach sich.“ sagte Vater. „Ihr fahrt mir nicht nach Ostpreußen in die Ferien, Jungs.“ „Ungerechtigkeit!“ sagte Julius. Er bemühte sich, wieder sein „ärgerlich-Gesicht“ aufzusetzen. Es gelang nur bedingt. Vater meinte, dass solch eine Tat immer Krieg bedeuten würde. Was wir mit österreich zu tun hatten, entzog sich meiner Kenntnis, dennoch nickte ich. Vater referierte fast zwei Stunden über Bündnispolitik und vieles mehr. Es war das erste Mal, dass Politik in unserem Hause besprochen wurde. Sonst gab es nie ein Wort über Parteien oder gar Gewerkschaften. Es war klar, wir als gute deutsche Bürger mit adeligen Vorfahren mütterlicherseits waren konservativ-national und absolut kaisertreu. Ein Bildnis seiner Majestät hing über dem Sofa im Wohnzimmer. Das Sofa war ausschließlich für die Paradekissen mit „Knick“ bestimmt. NIEMAND durfte sich darauf setzen.

  Also Ferien zu Hause, na prima , Langeweile pur! Es kam aber anders.

  Tage später erreichte uns ein Telegramm von Tante Ute, Mutters jüngster Schwester, die mitteilte, dass sie und unser Cousin Alexander-Ferdinand in wenigen Tagen eintreffen würden.

  Ich erinnere mich noch gut an die Hochzeit dieser Tante, obwohl ich erst 5 Jahre war, weiß ich noch alles. Wir reisten damals nach Pommern, wo die Trauung in der kleinen Dorfkirche stattfand. Tante Ute heiratete den ältesten Sohn des Gutsbesitzers.

  An einem Freitagmorgen , wir frühstückten, hielt ein Automobil lautstark vor unserer Einfahrt. Dem Fond entstiegen Tante Ute und unser Cousin. Julius sagte „Manno, dat jibt wat. Wie soll ich den aushalten?“ Alexander-Ferdinand und Julius waren „Todfeinde“ seit dem Weihnachtsfest 1912. Alexander-Ferdinand bekam von den Großeltern eine Dampfmaschine, Julius hingegen nur ein Buch. Das hatte „Klein Julius“ nicht vergessen, und wenn er Alexander-Ferdinand sah, stieg ärger in ihm hoch.

  Alles war für den Besuch vorbereitet. In unserem Zimmer stand ein drittes Bett, an dem sich Julius mindestens dreimal den Fuß stieß und sich deswegen lautstark bei Mutter beklagte. Mutter hingegen erwiderte nur: „Julchen, hätteste deine Pantoffeln getragen, wäre nichts geschehen.“ Das machte ihn noch ärgerlicher.

  Als der Besuch vor der Tür stand, war ich überrascht. Komisch! Tante Ute war so dick. Sonst war sie immer wie ein Strich in der Landschaft. Tante Ute war schwanger, aber wir hatten damals davon keinerlei Ahnung. Wir waren sozusagen unaufgeklärte Laien!

  Wider Erwarten lief alles besser an als gedacht. Julius und Alexander-Ferdinand wurden plötzlich unzertrennliche Freunde. Julius schleppte Alexander-Ferdinand den er neuerdings nur noch Alex nannte überall hin. Sogar in den Konfirmandenunterricht. Vater hatte die beiden vorab schon bei Pfarrer Schmidt angemeldet.

  An einem Sonntag, kam für uns die große überraschung, wir drei Jungs kamen soeben von der Kirche zurück und freuten uns aufs Essen, aber niemand bis auf das Hausmädchen Lina war zu Hause. Lina sagte: „Die beiden gnädigen Frauen sind im Krankenhaus, das Kind kommt.“ „Woher kommt es denn?“ fragte Julius lautstark. Lina vermochte keine Antwort zu geben, auf diesem Gebiet hatte sie genauso wenig Ahnung wie wir. Mutter kam am späten Abend heim. Sie berichtete uns allen freudig, es seien zwei Jungen geboren worden. In meiner Klasse gab es auch Zwillinge, das kannte ich schon. Julius und Alexander-Ferdinand mussten lange nachdenken, bevor sie alles begriffen.

  Nach drei Tagen durften wir einmal kurz mit ins Krankenhaus zum Kindergucken. Lange blieben wir nicht, denn die Schwestern hatten das nicht gerne. Die Oberschwester, eine Diakonisse jenseits des Rentenalters, reagierte, als es ihr zu laut wurde, resolut und warf uns Jungen aus dem Zimmer.

  Nach eineinhalb Wochen war Tante mit den beiden Kleinen wieder bei uns zu Hause. Julius verbrachte häufig seine Zeit an den Wiegen der Kleinen. Er schaukelte sie, trug sie durch das Zimmer und machte Späße. Mutter meinte einmal zu ihm: „Julchen, nicht, dass du die beiden hier behältst und denkst, dass du die Mutter bist.“ JuliusĀ“ Aufmerksamkeit galt ausschließlich „seinen Jungs“.

  Es war an einem Sonntag Mitte Juli, wir spazierten alle durch den Bulmker Stadtgarten. Julius und Alexander-Ferdinand schoben die Kinderwagen. In Höhe des Rondells hörten wir plötzlich eine Stimme „Julius Bulmke, her zu mir.“ Es war der Pfarrer Schmidt mit Gattin, der ebenfalls spazierte und dabei seinen Konfirmanden Julius,der morgens nicht in der Kirche war, erblickte. Julius lief zu ihm, und sprach gestenreich, wie es seine Art war.

   Als ich später einmal fragte, was Julius denn da besprochen hat, sagte er, er hätte versucht sich für sein Fehlen im Frühgottesdienst zu rechtfertigen. Er berichtetet dem Pfarrer, dass er praktisch morgens unabkömmlich sei, da er immer helfen würde, die Flaschen für die Kinder zu erwärmen und eines der Kinder füttere.

  Mittlerweile waren wir alle näher gekommen. Eine freundliche Unterhaltung begann. Wir setzten uns sogar auf die Bänke. Pfarrer Schmidt sagte nach einer Zeit: „Jungs, ihr habt bestimmt Durst, holt euch mal einen Limonade und ein paar Bonbons.“ Er gab jedem von uns 15 Pfennig.

  Dafür bekamen wir am Kiosk oben auf dem Rondell jeweils eine Flasche Knickel- Limonade mit Waldmeistergeschmack und eine mittlere Tüte Sahnebonbons.

  Derweil unterhielten sich die Erwachsenen weiter. Anschließend wurde auch über die Taufe der Zwillinge gesprochen, die bald stattfinden sollte. Im Laufe der Woche traf eines Nachmittags Pfarrer Schmidt in unserem Haus ein. Ich geleitete ihn ins Wohnzimmer, wo Mutter und Tante warteten. Ich wollte mich verabschieden, aber es wurde mir gesagt, ich solle bleiben. Bei Kaffee und Kuchen musste ich über das Sakrament der Taufe referieren. „Nochmal Konfirmandenprüfung!“ meinte ich. „Nein“, sagte der Pfarrer „aber du hast das alles gut behalten, Paulchen.“

  Das Gespräch ging fort, und plötzlich zum wiederholten Male hörte ich ein mir fremdes Wort. Patronatsrecht. „Was ist das?“ fragte ich. Pfarrer Schmidt erhob sich und belehrte mich, Er sagte: „Die Evangelische Unierte Kirche von Preußen, der wir angehören, ist eine Staatskirche. Der König von Preußen ist geistliches Oberhaupt.“ „Der Kaiser ist unser Papst?“ kam es aus der Sofaecke.

  Julius und Alexander-Ferdinand kamen zum Vorschein. Sie hatten sich versteckt, um zu lauschen, durften nun aber an der Tischrunde teilnehmen. Pfarrer Schmidt fuhr fort. „In den Provinzen hat seine Majestät an adelige und Gutsbesitzer Patronatsrechte verliehen, dass bedeutet, dass der Patron für das Gotteshaus und die Gemeinde zu sorgen hat. „Ach, so iss dat“ , sagte Julius. Ich schloss daraus, dass Onkel Ernst, da er ja mittlerweile selbst Gutsbesitzer war, das Patronatsrecht über die kleine Kirche in Lubben in Pommern hatte.

  „Wer ist hier Patron in Bulmke?“ wollte Julius wissen. Alle lachten. „Den haben wir hier in der Stadt nicht, dafür haben wir die Eisenwerke und Frau Kommerzienrat“, sagte der Pfarrer. „Ach so Papas Chef zahlt für die Pauluskirche“, erwiderte Julius. Jedenfalls waren wir alle schlauer und kannten nun Teile der preußischen „Kirchen- und Ständeordnung“.

  „Wie sollen denn die Kinder heißen?“ fragte der Pfarrer. „Einer wird Wilhelm-Ernst-Friedrich heißen.“ erwiederte die Tante. Des weiteren berichtete sie, dass es ihrem Gatten leider unmöglich sei, zur Taufe anzureisen, denn er habe kurz vor der Ernte viel zu tun. Sie hätte aber telegraphisch alle Dinge mit ihm abgesprochen. Schließlich hatte er ja als Familienoberhaupt zu bestimmen.

  Julius und Alex fragten zeitgleich: „Wie wird dann der andere heißen?“ Tante Ute und unsere Mutter schauten sich an und fingen laut an zu lachen. Ich schaute verdutzt auf die beiden, dann auf den Pfarrer, der auch nur mit den Schultern zuckte. Nach einiger Zeit hatten die beiden Frauen sich beruhigt. Mutter ergriff das Wort: „Nun nach reiflicher überlegung sind wir zu dem Schluss gekommen, dass der zweite Junge, Paul-Alexander-Julius heißen wird.“

  „Na, das ist ja mal eine nette Namensmischung, wenn der Kleine auch das Temperament dieser drei hier sitzenden Jungen an den Tag legt, werden sie ihre Freude haben!“ meinte der Pfarrer. Dann schaute er uns an und lachte.

  Die Frage der Paten stand noch im Raum. Tante Ute sagte: „Mein Schwager wird einer der Taufpaten sein.“ „Ich mach den anderen Paten!“ rief Julius. „Das geht nicht Julius, du wirst ja erst nächstes Jahr konfirmiert“, sagte Pfarrer Schmidt. Tante Ute sagte, dass ihr Mann als zweiten Paten seinen Neffen bestimmt habe. Ich fragte: „Welchen denn?“ „Immer den, der fragt!“ und wieder fingen die Frauen an zu lachen. „Ich bin Taufpate?“ „Ja genau du Paul Walther Bulmke“, sagte Mutter. Damit war das beschlossen. Ich fragte noch, ob ich sagen dürfe, welcher der Jungen den Namen Paul Alexander Julius bekommen solle. Tante Ute ließ mich auswählen. Ich schaute Julius an. Er deutete auf die rechte Wiege. Ich schaute hinein und sagte: „Ich wähle das Pummelchen.“ Alle lachten. „Gut so“, meinte die Tante und zu Julius gewandt: „Nicht dass du mir den kleinen Paul jetzt hier behältst.“ Julius hatte das „Pummelchen“ ganz besonders in sein Herz geschlossen.

  Der Termin für die Taufe war der 30. Juli 1914. Es war ein gesonderter Taufgottesdienst, dennoch waren zahlreiche Gemeindeglieder erschienen, um dem Taufakt beizuwohnen. Es wurde ein beeindruckender Gottesdienst. Alle drei Gemeindepfarrer, sogar der „Neue“ waren versammelt und hielten gemeinsam Gottesdienst. Vater und ich als Taufpaten mussten die Namen der Täuflinge nennen und durften die Kinder über das Taufbecken halten. Ich wusste, dass Julius das für Klein-Paul zu gern übernommen hätte, aber Julius war ja noch nicht konfirmiert. Sehr bewegend war für mich, als zum Ende des Gottesdienst „Nun danket alle Gott“ auf der Orgel gespielt wurde. Eins meiner Lieblingslieder!

  Am Nachmittag kam ein Photograph ins Haus und lichtet die getauften Kinder ab. Es gab mehrere Photographien. Das Bild, auf dem Julius im Matrosenanzug mit Mütze auf dem Sofa sitzend beide Kinder in den Armen hält, das Bild fand ich am schönsten. Die Tante hatte extra ein neues Mützenband für Julius gestickt. Julius trug die Mütze, jetzt mit der Bandinschrift S.M.S Bulmke.

   Am Morgen des 1.August war ich mit meinem Freund Fritz verabredet. Wir trafen uns vor dem Schulportal. Ich berichtete von den Erlebnissen der letzten Wochen. Er hingegen war mit seiner Schwester in München bei Verwandten gewesen. Wir sprachen lange, als plötzlich die Glocken der Pauluskirche zu läuten begannen. Wir schauten zur Turmuhr. 10 Uhr 21 Minuten zeigte diese. Ich sagte zu Fritz: „Wieso läutet es um diese Zeit? Und dann noch alle Glocken?“

  In den gegenüberliegenden Häusern öffneten sich die Fenster, und die Leute schauten auf den Kirchturm. Frauen in Schürzen standen beisammen und redeten. Ich sah, dass sich die Turmtür unten öffnete. Ich packte Fritz am Arm und lief hinüber. Der „neue“ Pfarrer kam aus dem Portal, gefolgt vom unserem Pastor Schmidt. „Tag, was ist geschehen?“ fragten wir zugleich. „Meine Kinder, es ist Krieg“, sagte Pastor Schmidt.

  Wir verstanden das nicht. Beide Pfarrer nahmen uns mit ins Pfarrhaus und zeigten uns Sonderdrucke der Tageszeitungen. überall stand etwas von der Kriegserklärung des Deutschen Reiches an Russland. Dass österreich schon am 28.Juli den Serben den Krieg erklärt hätte, entnahmen wir auch der Zeitung. Pfarrer Schmidt meinte: „Ich muss nun die Predigt für heute Abend vorbereiten. Heute ist um sechs Uhr Abendgottesdienst mit Abendmahl, wir wollen uns damit auf die schweren Zeiten vorbereiten, die kommen.“ „Ich erwarte euch beiden auch, ihr müsst helfen.“

  Wir liefen zu Fritz Eltern. Alle waren schon über das Geschehen informiert. Dann liefen wir zu unserem Haus. Liefen sogar auf der Seite der katholischen Kirche an der Hohenzollernstraße. Normalerweise machten wir da immer einen Bogen, beziehungsweise gingen auf der anderen Straßenseite, genauso wie bei den Friedhöfen an der Kirchstraße. Eigentlich gingen wir nur auf der „evangelischen Seite“. Doch das Geschehene ließ alles vergessen. Von einem Zeitungsjungen, den ich unterwegs traf, erhielt ich den Sonderdruck mit der Rede des Kaisers zum Kriegseintritt Deutschlands.

  Fritz und ich kamen keuchend zu Hause an. Aber auch hier wussten alle schon vom Kriegsbeginn. Vater schien mir sehr bedrückt zu sein, und Mutter hatte geweint. Sie machten sich Sorgen um unseren großen Bruder, der jetzt wohl an der Front im Osten kämpfen musste.

  Wir aßen etwas und gingen dann mit Tante Ute zur Kirche. Meine Eltern folgten später. Julius und Alexander-Ferdinand hüteten den Nachwuchs.

  Der Gottesdienstraum füllte sich bis auf den letzten Platz. In der Kirche waren viele Soldaten in Uniform. Sie sollten am kommenden Tag einrücken.

  Tante, meine Eltern, Fritz und ich hatten nach dem Gottesdienst den Auftrag, in der Sakristei die Abendmahlsanmeldungen in das große Buch einzutragen. Es waren einige Hundert, die Gast am Tisch des Herren waren. Das viele dieser Namen sich einst in Eiche geschnitzt im Vorraum der Pauluskirche finden würden, das konnte niemand in diesen Augusttagen wissen.

  Tag um Tag verging, und wir Ferienkinder versuchtenm, jede neue Nachricht von der Front zu ergattern. Der August neigte sich dem Ende zu. Unser Feriengäste machten sich auf den Heimweg ins Pommernland. Keiner wollte sie gern gehen lassen. Vor allem Julius hing sehr an „seinem Jungen“. Wie gern hätte er ihn hierbehalten. Jedenfalls reisten die Tante und unsere Cousins ab. Vor ihrer Abreise luden sie Julius und mich zum Besuch ein. Wir sollten in den Kartoffelferien, so hießen die Herbstferien im Volksmund, zu Besuch nach Pommern kommen.







Turm Pauluskirche

Turm Pauluskirche

Turm Pauluskirche