
Geschichte
Die Ev. Kirchengemeinde Bulmke hat eine Schwestergemeinde in den USA: Die First Congregational Church (UCC) in Alpena / Michigan. Alpena liegt im Norden der USA auf dem 45. Breitengrad am Ostufer des Huronsees unweit der kanadischen Grenze. Es handelt sich um eine industriell geprägte Stadt von 11.300 Einwohnern. Die nähere Umgebung ist waldreich und hat auch einen guten Ruf als Urlaubsregion. Detroit liegt etwa 5 Autostunden südlich, Chicago 8 Stunden entfernt.
Die First Congregational Church (Erste kongregationalistische Kirchengemeinde) wurde 1862 gegründet. Im Jahr 1955 bezog sie den jetzigen Gebäudekomplex, der Church (Kirche) genannt wird, aber Gemeindehaus und Sakralräume unter einem Dach vereinigt.
In den USA gibt es keine Staats- oder Volkskirchen, sondern nur Freikirchen. Die Kongregationalisten stammen von den Pilgervätern ab, die im 17. Jahrhundert aus Protest gegen die englische Staatskirche auswanderten. Seit dem Jahr 1957 sind sie mit 3 anderen Freikirchen vereinigt und bilden die United Church of Christ (UCC) (Vereinigte Kirche Christi).
Es handelt sich bei diesem Zusammenschluß um ein ökumenisches Projekt, das heißt um den Versuch, die Zerrissenheit der christlichen Kirchen zu überwinden.
Da eine der 4 Gründungskirchen, nämlich die Evangelical Church, ihre Wurzeln in Preußen hat, bestand eine historische Verbindung zwischen der UCC und der Evangelischen Kirche der Union (EKU), der auch die Ev. Kirche von Westfalen (EKvW) angeschlossen ist. 1981 vereinbarten die UCC und die EKU eine sogenannte Kirchengemeinschaft (englische Bezeichnung: Full Communion), die eine weitaus stärkere Beziehung als eine bloße Partnerschaft darstellt.
Zwischen der kirchlichen Arbeit in der EKvW und der UCC bestehen vielfältige Kontakte. Ein wichtiger, aber schwierig zu organisierender Bestandteil sind Gemeindepartnerschaften. Die Entfernungen, der hohe finanzielle und zeitliche Aufwand für Treffen, das Sprachproblem und auch die Frage, ob sich eine Beziehung zwischen den USA und Deutschland (Nord-/Nordpartnerschaft) wirklich lohnt, bilden Hindernisse. Letztlich hängen alle Gemeindepartnerschaften von dem ökumenischen Enthusiasmus Einzelner ab.
Die Partnerschaft Bulmke - Alpena begann Anfang 1993. Die Initiative ging von den beiden Pfarrern Ulrich Brockhoff-Ferda und Robert Case aus, die in der ökumenischen Zusammenarbeit über Grenzen hinweg eine große Hoffnung für eine vitale Kirche und ein deutliches Glaubenszeugnis sahen und sehen. Daß ihr ökumenischer Enthusiasmus allerdings in diese konkrete Beziehung mündete und nicht in eine andere, ist vor allem Zufall. Beide kannten den Pfarrer der UCC-Gemeinde in Charlevoix / Michigan, der das Verhältnis sozusagen arrangierte. Die Leitungsgremien der Gemeinden haben die Beziehung dann autorisiert und tragen sie seitdem solidarisch mit.
Begegnungen
Eine lebendige Partnerschaft braucht persönliche Begegnungen. Darum bildet die Austauscharbeit das Zentrum. Diese war bisher vor allem auf Jugendliche und Familien ausgerichtet. Das hing nicht zuletzt damit zusammen, daß für anspruchsvolle Auslandsbegegnungen junger Menschen deutsche öffentliche Mittel beantragt werden können, die mehr als die Hälfte der tatsächlichen Kosten decken und so die Begegnungen erschwinglich machen. Amerikanische öffentliche Mittel für solche Projekte gibt es nicht. Die 4 Sommerbegegnungen wurden von folgenden Stellen gefördert: Kinder- und Jugendplan des Bundes, zugeteilt durch die Arbeitsgemeinschaft der Ev. Jugend in Deutschland, Kirchlicher Jugendplan der EkvW, Kommunalmittel der Stadt Gelsenkirchen, zugeteilt durch das Ev. Kreisjugendpfarramt. Ökumenedezernat der Ev. Kirche von Westfalen, vermittelt durch den UCC-Unterausschuß.
Gemeindeaustausch:
Sommer 1995 (USA), Sommer 1996 (Deutschland), Herbst 1999 (Deutschland), Sommer 2000 (Deutschland), Sommer 2001 (USA)
Themen: Kennenlernen Partnergemeinden und -länder, Beruf und Berufung, Indianische Ureinwohner/innen / nachhaltige Lebensweise
Private Reisen Einzelner:
Winter 1996 (Deutschland), Schuljahr 1997/98 (USA), Winter 2001 (USA)
Themen: Vertiefen von Kontakten, Schüleraustausch, Urlaub
Deutsche Teilnehmer/innen:
Angelika Brennert, Gerhard Brennert, Heike Brennert, Sebastian Brennert, Stefanie Brennert, Fiona Scholz, Henning Disselhoff, Maik Feldmann, Claudia Ferda, Janosch Ferda, Kolja Ferda, Ulrich Brockhoff-Ferda, Kerstin Freitag, Marc Grünhagen, Daniela Grundmann, Rafaela Grundmann, Andreas Höfken, Joachim Höfken, Vera Höfken, Sarah Justus, Jenny Klaassen, Tim Kranich, Silke Kuchenbecker, Annika Lante, Nils Leppert, Yvonne Lieder, Sabine Miarka, Daniela Mondry, Mathias Mondry, Barbara Neumann, Benjamin Neumann, Erich Neumann, Frederik Neumann, Jens Otto, Julia Piepenbrock, Sebastian Quednau, Sandra Schmidt, Andreas Steinhaus, Kim Stockebrandt, Michael Trost, Nina-Theresa Ude, Stephanie Wulfert, Marcel Zera
Weitere Gastgeber/innen in Gelsenkirchen:
Familie Grigo, Familie Knappstein, Familie Prüß
Amerikanische Teilnehmer/innen:
James Adamus, Gerard Ahlgren, Stacy Anderson, Jessica Artley, Lillian Ashley, Lynn Ashley, Nathan Barden, Kate Blanchard, Amanda Boboltz, Judy Case, Kristin Case, Robert Case, Shelley Cordes, Kerrie Cousineau, Elaine Cuneo, Nancy Dennis, Holly Ellison, Chris Fluri, Sue Fluri, Trudy Foster, James Glazier, Michelle Glazier, Morgan Glazier, Stephanie Glazier, Heidi Homola, Priscilla Homola, Paul Huddas, Maria Lindroos, Allison Lindsay, Erica Lloyd, Duffy Gorski, Pam Lloyd-Gorski, Barbara Miles, Richard Miles, Bill Morey, Jennie Morey, Rachel Morey, Robert Morey, Diana Standen, Adamm Thomas, Alicia Wells
Weitere Gastgeber/innen in Alpena:
Familie Aten, Kristin Benghauser, Familie Butler, Familie Cruise, Familie Davis, Familie Haag, Tom Hainstock, Familie Lamble, Doris Lance, Familie Nethercut, Familie Person, David Rustfeld, Familie Skiba, Familie Zinsli
Gastgeber/innen in Oxford:
Familien Austin, Beauman, Coram, Crawley, Hesketh, Hermann, Hudson, Ruch, Slisinger, Snow, Tripp, Wilson, Zurlinden
Einblicke
Warum lohnt sich unsere christliche Partnerschaft über Grenzen hinweg? Für mich sind drei Gründe wesentlich:
Selbsterkenntnis: Wir brauchen internationale Kontakte, um unser eigenes Land besser verstehen zu können. Im Gespräch mit Menschen, die uns von außen wahrnehmen, entdecken wir, wo unsere nationalen Stärken und Schwächen liegen.
Glaubensstärkung: Christen und Christinnen aus anderen Kulturen helfen uns, die Fülle von Gottes Liebe zu erfassen. Gott ist gegenwärtig - je mehr unterschiedliche Menschen mir diese Hoffnung verdeutlichen, umso mehr kann ich glauben, daß er auch für mich persönlich da ist.
Werbung für die Kirche: Ein ökumenisches Besuchsprogramm macht trotz aller Umstellungen und Mühen einfach Spaß. Das, so meine ich, ist ein starkes Argument für die Kirche, besonders in bezug auf junge Menschen.
Ulrich Brockhoff-Ferda /ehemaliger Pfarrer in Bulmke) im Gemeindebrief "Horizonte", Ausgabe Sommer 2001
Viele Gemeinsamkeiten und Unterschiede werden deutlich: "Unsere Gemeinde hat nur 300 Mitglieder, aber regelmäßig nehmen 120 am Gottesdienst teil, und wir haben rund 100 ehenamtlich Mitarbeitende", berichtet Gemeindepfarrer Bob. Den Unterschied in der Finanzierung der kirchlichen Arbeit hat Bob ganz direkt erlebt: "Als ich 20 Mark in die Kollekte legen wollte, sagte mir einer: 'Das ist zuviel'. Wir müssen unsere ganze Arbeit von Spenden zahlen, deshalb wird bei uns viel mehr gespendet."
Die amerikanischen Gäste sind davon überzeugt, daß die Partnerschaft mit Bulmke weit mehr ist als ein touristisches Unternehmen. Mit seinem Gastgeber Erich Neumann führte Bob bis tief in die Nacht hinein Gespräche, auch über, wie er es nennt, "Tough issues", schwierige Themen wie die Judenverfolgung. "Wenn ich nach Hause komme, dann habe ich einen Freund in Deutschland", ist sich Bob sicher. Er hat erlebt, daß viele Teilnehmende oft geradezu gerührt sind von der Herzlichkeit, mit der sie in den Bulmker Familien aufgenommen worden sind.
Katharina Blätgen, Aus der westfälischen Kirchenzeitung "Unsere Kirche", Nr. 31/96
Gelsenkirchener Journalisten sprechen selten Englisch, und da kommt es schon mal vor, daß einer Congratulation (Glückwunsch) versteht statt Congregation (Unabhängige Gemeinde). In diesem Fall traf es eine Zeitung, die Anfang Juli Maria Lindroos und Jessica Artley aus Alpena / Michigan (USA) nach dem Namen ihrer Heimatkirche fragte. Aber auch die beiden Mädchen hatten so ihre Verständigungsschwierigkeiten: Andi Möller, Schalke 04 - nie gehört.
So relativiert sich manches vor Ort Wichtige, wenn unterschiedliche Kulturen zusammentreffen. Umgekehrt kann Gewohntes plötzlich in überraschendem Glanz erstrahlen. Die Evangelische Kirchengemeinde Bulmke und die First Congregational Church haben zum dritten Mal einen Austausch auf Gemeindeebene ermöglicht. Das hieß natürlich: sich den Mühen der Fremdartigkeit auszusetzen. Das war aber vor allem von der Hoffnung getragen, etwas vom Glanz des gemeinsamen Lebens in Jesu Namen zu erspüren. Natürlich ging es auch um Alltägliches, Geschirrspülen etwa oder den Umgang mit Medikamenten. Und nicht zu vergessen: die Liebe. Denn deren Sprache ist universal.
Ulrich Brockhoff-Ferda,
Aus der westfälischen Kirchenzeitung "Unsere Kirche", Nr. 33/2000
Deutsche Schüler/innen, die gerade Alpena besuchen, haben die Abteilung für Gewehre und Munition in einem örtlichen Geschäft fotografiert. Ihre Freunde und Freundinnen sowie ihre Familie würden es sonst einfach nicht glauben. Die Gruppe verfolgt im Grundsatz keine touristischen Ziele, sondern hat sich vorgenommen, die Kultur und den alltäglichen Lebensstil hier kennenzulernen. Etwas, das die Schüler/innen wirklich bewegt, sind Umweltthemen.
Case zufolge habe die Geschichte beider Kulturen - einschließlich der Geschichte des Holocaust und der amerikanischen Ureinwohner/innen - Fragen aufgeworfen. Auch andere Themen, etwa Religion, Spiritualität, Glaubensüberzeugungen und Gebräuche bereicherten den offenen Dialog zwischen den Gruppen.
Ihre Zeit fern der Heimat liefe sowohl für die amerikanischen als auch für die deutschen Schüler/innen auf vielfache Veränderungen hinaus. Die Schüler/innen seien zuerst ein bißchen nervös, dann bekämen sie Heimweh, würden aber stets ein wenig unabhängiger und erwachsener im Verlauf der Reise. Viele der amerikanischen Schüler/innen würden nach ihrer Rückkehr Mitglied im German Club und fingen an, mehr über die Sprache und Kultur zu lernen. Viele bekämen auch ein größeres Interesse an Geschichte.
Kerrie L. Miller, Übersetzung: Ulrich Brockhoff-Ferda. Aus der Zeitung "The Alpena News", 18.7.2001
Die 13-jährige Holly Ellison aus Alpena erwähnt, sie hätte gedacht, die Austauschschüler/innen seien bestimmt gemein zu ihnen, da die amerikanische Gruppe kein Deutsch konnte. Das sei aber ein Irrtum gewesen. Der deutsche Schüler Kolja Ferda (17) findet amerikanische Gesetze etwas konfus. In den Vereinigten Staaten müsse man 21 sein, um Alkohol zu trinken oder zu kaufen, könne aber mit 16 Auto fahren. Andererseits gefällt ihm die Freiheit, die er hier genießt. Einige der Schüler/innen hörten, in Amerika sei es gefährlich, abends auf der Straße unterwegs zu sein. "Nicht hier", heißt es bei den deutschen Teenager- /innen einstimmig. Adamm Thomas (16) aus Alpena erwähnt, er finde die Besucher/innen etwas erwachsener als ihre amerikanischen KollegInnen. Sie seien in der Lage, mit 16 zu trinken und zu rauchen, aber sie mißbrauchten es nicht.
Die deutschen Teenager/innen waren nicht gerade scharf auf das "süße und warme" Frühstück, das Amerikaner-/innen scheinbar so lieben. Speisen wie Donuts (Krapfen) und French Toast (in Milch und Ei getauchtes und getoastetes Weißbrot) seien einfach zu viel für sie, stöhnen einige.
Der Zweck ihres Besuchs bestand darin, einen Eindruck vom Leben in Amerika zu gewinnen. Bisher waren sie im Kleinstadt-Amerika, aber bevor sie nach Deutschland zurückkehren, werden sie auch eine Großstadt erleben: Die Gruppe verläßt Alpena mit dem Ziel Chicago.
Kerrie L. Miller, Übersetzung: Ulrich Brockhoff-Ferda. Aus der Zeitung "The Alpena News", 24.7.2001
Jugendliche Teilnehmer/innen erinnern sich: Amerikanische Jugendliche sind meist anders erzogen als deutsche - Sie sehen ein paar Dinge anders, sagen z.B.: kein Sex vor der Ehe - Manche Vorurteile haben sich nicht bestätigt, z.B.: Amerikaner essen nur Fast Food - Sie haben das Gefühl, bei Regen barfuß und mit nassen Haaren auf der Straße umherlaufen zu können, ohne dabei zu erkranken, hingegen Fieber und Durchfall zu bekommen, wenn sie von Tellern essen, die nach dem Spülen nicht noch einmal mit klarem Wasser abgespült werden - Amerikaner reagieren hoch sensibel auf nackte Frauen in der Werbung: Ein Werbeshop für Letter-Margarine zeigte eine Frau, die in seichtem Wasser ein Paket Butter findet. N. und C. kamen einem Herzinfarkt verdächtig nahe, als sie dies an einem Mittag im deutschen Fernsehen sahen - Egal wie schlecht es einem Amerikaner geht und egal wie schlecht ein Amerikaner etwas leiden kann, er wird es dir niemals sagen (solange es relativ belanglos ist).
Aus dem Gemeindebrief "Horizonte" der Ev. Kirchengemeinde Bulmke, Ausgabe Erntedank 2000


